Der Euphemismus – Unangenehmes beschönigen
„Er ist von uns gegangen“, „Tarifanpassung“ oder „Freisetzung von Arbeitskräften“ … Haben Sie eine ähnliche Formulierung schon mal gehört? Dabei handelt es sich um Euphemismus – ein sprachliches Stilmittel, das Unangenehmes oder Tabus in angenehme, harmlose oder neutrale Worte verpackt. Eine wichtige Frage dabei ist: Was ist wirklich gemeint? Denn oft stecken hinter solchen Formulierungen Tatsachen wie der Tod oder eine Entlassung.
Euphemismen begegnen uns vermutlich täglich in Gesprächen, Medien und Politik, manchmal ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Denn oft sind sie längst zu bekannten Redewendungen oder Floskeln geworden. Aber auch in der Literatur findet man sie, wo sie unterschiedliche Funktionen erfüllen.
Der Begriff stammt aus dem Griechischen. Das Verb euphemein bedeutet so viel wie „Worte von guter Vorbedeutung gebrauchen“ oder „Unangenehmes angenehm sagen“.
Funktion von Euphemismen: Warum nutzen wir sie?
Je nach Kontext und Absicht können Euphemismen verschiedene Funktionen erfüllen, von höflich bis verharmlosend oder manipulativ.
Einerseits helfen Sie Menschen dabei, jemandem eine traurige oder schockierende Nachricht schonend beizubringen oder heikle Themen und Tabus höflich bis diplomatisch zu umschiffen. Manchmal wirkt das aber auch floskelhaft, unehrlich oder verkrampft.
- Höflichkeit und Rücksichtnahme: Mit Euphemismen möchten Menschen oft die Gefühle anderer – oder auch ihre eigenen – schonen, besonders bei sensiblen Themen wie Tod, Krankheit oder Alter. „Sie ist gestorben“ wird dann zu „Sie ist entschlafen“ oder „Sie ist von uns gegangen“.
- Tabus umgehen: In manchen Kulturen gibt es Themen, die man nicht direkt anspricht – etwa körperliche Funktionen, Geld oder sexuelle Orientierung. Euphemismen erleichtern die Kommunikation in solchen Gesprächen.
- Sprachwandel und Empowerment: Auch aus einem bewussten Umgang mit Sprache können Euphemismen hervorgehen, zum Beispiel politisch korrektere Formulierungen, um marginalisierte Gruppen vor Gewalt durch Sprache zu schützen oder sie zu empowern.
Andererseits sind Euphemismen mit großer Vorsicht zu genießen. Denn sie dienen auch dazu, unangenehme Wahrheiten zu verschleiern oder gezielt zu manipulieren, indem sie etwas schöner, harmloser oder neutraler erscheinen lassen, als es in Wirklichkeit ist. In der öffentlichen Kommunikation sind Euphemismen besonders verbreitet – und oft sehr umstritten.
- Manipulation, Verharmlosung, Macht: In Politik und Wirtschaft werden Euphemismen oft strategisch eingesetzt, um unpopuläre Maßnahmen positiver in Szene zu setzen und Kritik zu entschärfen. Aus „Steuererhöhung“ wird „Tarifanpassung“, aus „Entlassungen“ werden „Freisetzungen von Arbeitskräften“. Auch Gewalt oder Rassismus können durch Sprache verharmlost werden. Auch in der Werbung geraten Euphemismen immer wieder in die Kritik und werden teils sogar verboten: zum Beispiel bei Greenwashing, wenn Unternehmen in ihrem Marketing sich oder ihre Produkte umweltfreundlicher darstellen, als es der Realität entspricht.

Tipp
In Politik und Werbung werden Euphemismen oft gezielt eingesetzt, um Stimmungen zu lenken. Deshalb ist es wichtig, Texte wachsam und kritisch zu lesen, um sich nicht in die Irre führen zu lassen. Achten Sie darauf, wo beschönigend formuliert wird, und fragen Sie nach dem eigentlichen Sinn. Beispiele für Fragen: Wie nutzen Nachrichten oder soziale Medien Euphemismen, zum Beispiel „alternative Fakten“? Wie werden koloniale Gewalt oder Rassismus durch Sprache verharmlost oder aufgedeckt?
Euphemismen im Alltag: Wo begegnen sie uns?
Euphemismen sind ein fester Bestandteil unserer Sprache und begegnen uns so häufig, dass wir sie oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Besonders in Nachrichten, Werbung oder im beruflichen Kontext werden Euphemismen gezielt eingesetzt, um die jeweilige Zielgruppe nicht zu vergraulen. Manchmal reicht es dafür auch, ein Fremdwort zu benutzen.
Beispiele:
Allgemein
- Problem → Herausforderung
- Das mag ich nicht → Das ist nicht mein Fall
Körper und Gesundheit
- dick → wohlgenährt
- Schwitzen → Transpiration
- Toilette → Stilles Örtchen
Alter und Tod
- sterben → entschlafen, heimgehen, von uns gehen, das Zeitliche segnen
- alt → in den besten Jahren, erfahrungsreich
Wirtschaft und Arbeit
- Preiserhöhung → Preisanpassung
- wirtschaftlicher Einbruch → Wachstumspause
- Entlassung → Freisetzung, Personalabbau
- arbeitslos → arbeitssuchend, zwischen zwei Engagements
Tipp
Sammeln Sie mal eine Woche lang Euphemismen aus Ihrem Umfeld – in Gesprächen, Werbung, Nachrichten. Analysieren Sie: Was wird wirklich gesagt? Und warum wird es so formuliert?
Euphemismen in der Literatur
In der Literatur nutzen Autor:innen Euphemismen, um Figuren oder Handlungen indirekt zu charakterisieren oder Ironie zu erzeugen. Besonders in Satiren, Fabeln oder politischen Romanen werden sie eingesetzt, um Kritik zu üben, gesellschaftliche Missstände und Machtstrukturen aufzudecken oder auch, um politische Zensur zu umgehen.
Euphemismen sind dabei zeit- und kulturspezifisch. Formulierungen, die in einer Epoche oder Gesellschaft als schonend galten, können in einer anderen zynisch oder lächerlich wirken.
Funktionen von Euphemismen in der Literatur
Kritik üben: Manchmal nutzen Schriftsteller:innen Euphemismen, um etwas lächerlich zu machen oder zu kritisieren. Um gesellschaftliche Missstände oder politische Zensur zu umgehen oder diese aufzudecken, zum Beispiel in Satiren.
Figuren charakterisieren: Wie eine Figur spricht, verrät viel über sie. Die Wahl von Euphemismen kann Figuren typisieren: An einem Königshof werden andere Umschreibungen genutzt als bei Soldaten im Krieg.
Atmosphären erzeugen: Euphemismen können den Ton eines Textes prägen, indem sie eine Szene poetischer, dramatischer oder auch bürokratischer machen.
Beispiele:
In der Lyrik werden Euphemismen oft für poetische Bilder genutzt, etwa wenn der Tod als „letzte Reise“ oder „ewiger Schlaf“ umschrieben wird. In Märchen heißt es oft „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ statt „bis sie starben“. In George Orwells „1984“ ist das „Ministerium für Frieden“ für Kriegsführung zuständig. In Harry-Potter-Romanen heißt es „Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf“ für „Lord Voldemort“.
Tipp
Euphemismen zeigen, dass Sprache nicht neutral ist. Sie kann verstecken, beschönigen – aber auch aufdecken und kritisieren. In der Gegenwartsliteratur geht es oft darum, Machtstrukturen aufzudecken. Wenn Sie Literatur analysieren, lohnt es sich daher immer, zu fragen:
- Warum sagt die Figur das so und nicht anders?
- Was wird verschwiegen oder verharmlost?
- Wer profitiert davon, dass etwas „schön“ klingt?
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- Alliteration: Gleiche Laute am Wortanfang
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